24.07.2026 – „Du bist anders“, sagt sie und knackt ihre Schulprobleme.
Meine Klientin ist 15 Jahre jung, als ihre Mutter vor zweieinhalb Jahren mit ihr zum Erstgespräch kommt. Übliche Frage an die Tochter: können wir uns duzen und ist sie freiwillig hier? Ja, duzen und naja, freiwillig würde sie so nicht sagen, sie vertraut nicht einfach jedem. Kann ich nur zustimmen. Soll mir bloss nichts glauben, nur weil ich es sage. Das ist das erste Nicken, das ich von ihr bekomme.
Von ihrer Mutter wird sie beschreiben als unorganisiert, ohne Ziele, (außer, was ihr Spaß macht, Überraschung!). Mit schlechen Noten hat sie es knappst in die nächste Schulstufe geschafft. Sie wurde bereits „positiv auf Legasthenie getestet“, ADHS ist eine weitere Vermutung der Eltern. Man könne sich nicht auf sie verlassen, sie sei unfokussiert und sehr leicht ablenkbar. Und es gebe wiederholt Streit. Die junge Frau verteidigt ihre Sichtweise: einiges sei schon besser dieses Semester. Augenrollen bei der Mutter. Daraufhin darf ich dann auch gleich einen dieser Streits miterleben. Nach der Schlichtung frage ich:
„Willst du es dir leichter machen, in der Schule – und auch sonst?“
Da hat sie dann zugestimmt. Coaching die Woche drauf gestartet. Es ist eine Begleitung geworden, in der sie Einiges mehr reflektieren und ändern konnte, als „nur“ die Schulthemen. Wie funktionieren Freundschaften, was ist ihr selbst wichtig, warum tun Menschen, was sie tun? Was ist der Sinn des Lebens und auch kleinere Fragen. 30 Monate sind ins Land gezogen seither, im Durchschnitt eine Sitzung alle 4 Wochen zu etwa 85 Minuten. Davon ein paar gemeinsam mit Elternteil(en) und auch manche 1:1 für die wirklich im positivsten Sinn engagierte Mutter.
Ich nehms vorweg: im Juni 2026 hat sie ihre Matura erfolgreich bestanden. Nicht mit Auszeichnung, aber klar bestanden, so wie die meisten anderen.Hier die wichtigsten Schulthemen und deren Lösungen:
Problem: Vorlesen in der Klasse, Lesen um zu Lernen.
Gemeinsam analysieren wir also ihre aktuelle Lesestrategie.
Sie liest sehr langsam und verhaspelt sich trotzdem, das ist ihr peinlich, sie versucht dann schneller zu lesen, woraufhin das Leseverständnis sinkt. Sofort denkt sie: jetzt bloss keine Fragen dazu! Angst wird spürbar, samt Schweißausbruch. Weiterlesen langsamer… ist ihr peinlich. Ein Teufelskreis. Dann Blackout. Dann die Fragen der Unterrichtsperson, und eine entsprechende Note. Beim lesenden Lernen ist der Zeitaufwand gründlich frustrierend.
Lösung: Wir (er-)finden „ihre“ Methode, mit der sie seine Gefühle sofort selbst regulieren kann, während sie bei mir in der Praxis einen Text vorliest. Mit Visualisierungen für zukünftige Vorlese- und Lern-Situationen gewinnt sie an Zuversicht. Dann ist sie offen für meinen Vorschlag, bei einem Speed-Reading-Trainer zu lernen, ihre Lernzeit zu verkürzen.<
Problem: Rechtschreibung (ausgetestete Legasthenie).
Wir analysieren eine Schularbeit. 350 Worte. Davon 37 Rechtschreib-Fehler. Eine Katastrophe? Ich frage sie und die Mutter, wie genau sie es schafft, die anderen 313 Worte völlig richtig zu schreiben. Hm. Keine Ahnung. Jetzt gibt es Interesse im Raum.
Es zeigt sich, sie verwendet unbewusst meist eine auditive/phonetische Strategie – „man schreibt das Wort, wie man es spricht“. Tatsächlich kann man schon das Wort phonetisch nicht übers Gehör schreiben. Niemand sagt: P-Honetisch, damit alle Buchstaben hörbar sind. Das Wort auditiv funktioniert sofort mit „f“ – der Unterschied ist eben auch einfach nicht hörbar. Dienstag/Dinstag, Pizza, Pitsa, Pidsa; „stummes“ h, „normales“ oder „scharfes“ s, da gibts noch Vieles.
Teil der Lösung:
Wir starten mit der visuell-kinästhetischen Rechtschreibstrategie von Robert Dilts. Schnelle erste Erfolge sind die Grundlage für die weiteren Übungen, die meine immer noch leicht misstrauische Klientin mit nach Hause nimmt. Die nächste Deutsch-Schularbeit hat 30 % weniger Fehler.
Problem: Präsentation, Referat
Um es kurz zu machen… Vorbereitungsstrategie: „Das geht sich schon irgendwie aus“. Am Vorabend der Präsentation: „Schreib, chatty, schreib!“ – beim Referat: „verdammt, ich kanns nicht, meine Hände zittern und mein Stichwortzettel mit“.
Teil der Lösung:
Wer in ihrer Klasse kann gut präsentieren? Und diese vier, wie genau machen die das? Traut sie sich, zu fragen? Ja. Sie findet heraus: es kann helfen, Bruder/Onkel/Vater das Referat einmal zu erzählen; KI zu verwenden ist gut, aber das auswendig lernen ist mühsamer und unsicherer, als es einmal in eigene Worte zu fassen; eine Schülerin ist selbst oft aufgeregt, sie rät zu Atemübungen. Natürlich hätte ich ihr das alles selbst sagen können – hier hat aber die Selbstverantwortung ihren Anfang genommen.
Problem: Wenig Fokus, leicht ablenkbar
Das glauben viele aus der Schüler- und Studentenschaft über sich, so wie sie. Es sind die gleichen, die sehr fokussiert Serien bingen, stundenlang Smartphone-/PC-/Online Games meistern, oder sich unablenkbar dem Hingeben, was sie wirklich auf verschiedenen social media Portalen interessiert: Mode, Sport, Pranks, Dating, Musik, you name it.
Teil der Lösung:
Wie kann sie auch im Schulkontext fokussieren? Und wenn andere versuchen, ihren Fokus auf sich oder ihre eigenen Themen zu ziehen, was dann? Noch wichtiger, wie findet sie zurück, wenn ihre Gedanken woanders hinwandern? Wie erkennt sie, ob der Fokus schwindet, weil sie tatsächlich eine Pause braucht? Wir finden heraus, welche Art Pause sie am besten erfrischt: es hat immer etwas mit Bewegung zu tun, mal weg vom Schreibtisch, eine kleine Runde mit dem Hund gehen. Hat sie ein smartphone in der Hand oder hat das smartphone sie in der Hand? Diese Frage stört sie, sie recherchiert über ihre Handynutzung – und ändert Einstellungen. Icons ohne Farbe, sie mistet Apps aus, keine Push-Benachrichtigungen mehr.
Problem, aber natürlich kein Problem
15 Jahre sein. 16 werden. Dann 17. Dazwischen alles: Freund, kein Freund, neuer Freund. Freundesrunde mal gut, mal bescheuert. Die Eltern sind komisch und anstrengend, wollen dauernd irgendwas mit Schule. Wenigstens werden sie weniger peinlich mit der Zeit. – Das alles hat diese junge Frau auch noch gemeistert. Die Welt ist groß, die Kids dürfen alles wollen, meine ich; das heißt nicht, dass alles geht.
Alles in allem war es mir eine Freude, mit ihr (und den Eltern) arbeiten zu dürfen. In der Sitzung nach der erfolgreichen Matura, hab ich vorgeschlagen, das Coaching nun zu beenden, weil ursprünliches Ziel erreicht. Für Oktober will sie „nur mal eine Sitzung“ ausmachen. Machen wir. Ich denke nicht, dass sie sie brauchen wird.
